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Instream-Restaurieren mit Treibselsammlern

Instream-Restaurieren mit Treibselsammlern

Problematik Strukturarmut

Glücklicherweise hat sich in der Vergangenheit die Wasserqualität in vielen Bächen und Flüssen deutlich verbessert. Doch die chemischen Werte allein machen ein natürliches Fließgewässer nicht aus. Ohne vielfältige Gewässerstrukturen kann sich selbst bei besten Wasserwerten kaum Leben entwickeln. Lebensräume für viele Kleinstlebewesen, Fische und Pflanzen fehlen.

Fallbeispiel Este

Este Sandfracht

Strukturarmer Bereich der Este mit reiner Sandsohle – dies war ein Kiesbach! (Foto: Ludwig Tent)

Die Este in Niedersachsen stellt leider ein Extrembeispiel für diese Problematik dar. Als kiesiger Waldbach sollte sie eigentlich eine Vielzahl von Bewohnern beherbergen, doch das absolute Gegenteil ist der Fall. Kanalartiger Ausbau, harte Gewässerunterhaltung mit daraus resultierender Überbreite und Übertiefe sowie eine hohe Sandfracht degradieren den Bach zur öden Sandwüste. Das Feinsediment wandert flussabwärts und bedeckt den standorttypischen, steinigen Untergrund auf ganzer Fläche. Gewässertypische Längs- und Querstrukturen mit  turbulenten und dauerhaft ruhigen Wasserbereichen, sucht man vergeblich. Hier gilt es zu Handeln. Doch was kann man tun?

Die folgenden Erfahrungswerte wurden an der Este gesammelt und können auf viele Fließgewässer mit ähnlicher Problematik übertragen werden.

Abhilfe schaffen hölzerne Treibselsammler

Instream Restautierung - Treibselsammler

Kleiner Treibselsammler kurz nach dem Aufbau (Foto: Ludwig Tent)

Eine kostengünstige und arbeitsextensive Möglichkeit zur Verbesserung der Gewässerstruktur bietet das Instream-Restaurieren mit Treibselsammlern. Die Sammler setzen sich aus in den Boden getriebenen Stöcken zusammen, die vom hohen Ufer bis ins Gewässer platziert werden. Treibgut verfängt sich darin und bildet ein offenes, dynamisches Strömungshindernis aus angetriebenen Ästen, Wasser- pflanzen und Blättern. Hier finden Kleinstlebewesen Nahrung, Fische Deckung und das Strömungsbild wird abwechslungsreich.

Der Bach wird angeregt sich selbst zu helfen.

Großer Vorteil dieser Maßnahme ist die hohe Flexibilität, da die Konstruktion schnell verändert oder sogar entfernt werden kann, sollte sie nicht das gewünschte Ergebnis liefern. Außerdem wird der Wasserabfluss durch die geringe Einbautiefe bei Wasserständen bis knapp über dem üblichen Mittelwasserspiegel nicht gestört.

Anleitung

Vorbereitung

Material - Instream Restaurieren

Material für Quersammler (Foto: Ludwig Tent)

Zunächst sollte es zu einer Absprache mit allen Beteiligten, insbesondere dem Unterhaltungsverband, kommen.
Im Anschluss werden geeignete Gewässerbereiche lokalisiert, wo später die Sammler errichtet werden. Abhängig vom Einsatzzweck können die Äste beispielsweise an Gleithängen oder auf geraden, kanalisierten Abschnitten eingesetzt werden.

Letztlich fehlen nur noch Material und Werkzeug. Die Stöcke sollten einen Durchmesser von etwa 2-5cm haben. Bei der Wahl des Holzes sollte nur beachtet werden, dass Weiden im ungetrockneten Zustand neu austreiben und schnell ungewollte Querschnittshindernisse oberhalb des Mittelwasserspiegels darstellen können. Das kann je nach Örtlichkeit natürlich auch gewollt sein, um zusätzliche Verbesserungen der Gewässerstruktur zu erzielen.

Als Hilfsmittel werden lediglich Hammer, Vorschlaghammer, Arbeitshandschuhe und Wathose/-stiefel benötigt. Gelegentlich wird eine kleine Handsäge benötigt, wenn zu lange Stöcke nicht bis zur gewünschten Tiefe eingeklopft werden können.

Aufbau und Konstruktion

Quersammler entsteht - Instream Restaurieren

Treibselsammler entsteht – Einbindung ins hohe Ufer ist erforderlich (Foto: Ludwig Tent)

Ein optimaler Sammler erstreckt sich vom hohen Ufer bis ins Wasser, sodass er bei verschiedenen Wasserständen funktioniert und Uferschäden durch umströmendes Hochwasser verhindert werden. Die Anordnung der Stöcke sowie der Winkel des Sammlers richten sich nach Örtlichkeit und Ziel der Maßnahme. Experimentelles Erproben bietet sich an, da es keinen allgemeingültigen Bauplan gibt. Man kann sich beim Bau allerdings an natürlichen Strömungshindernissen orientieren. So ist die Verteilung der Stöcke nicht nur in Reihe, sondern auch als lockeres, chaotisch verteiltes Arrangement denkbar. Als günstig hat sich herausgestellt, die Stöcke nicht geschlossen in Buhnenform, sondern in offener Bauweisen mit Abständen von ca. 10-20 cm zu platzieren.

Treibgut kann sich bei einer geschlossenen Form nicht mehr verfangen. Allein die Strömung würde umgelenkt. Außerdem dürfen die Stöcke nicht deutlich höher als der mittlere Abfluss  im Wasser stehen, damit das Abflussverhalten bei erhöhten Wasserständen nicht negativ beeinflusst wird.

Nach einiger Zeit…

Die Quersammler erweisen sich in kleinen Bächen und Flüssen als sehr effizient. Kurzfristig sind bereits die Verbesserungen in Strukturvielfalt, Arten- und Individuenbesiedlung erkennbar. Langfristig führen die hydraulischen Veränderungen zur Entwicklung neuer Uferstrukturen und fördern neues Leben. Durch den Wasserwiderstand entstehen beruhigte Wasserzonen unmittelbar hinter dem Sammler, wo sich Sediment absetzen kann. Seitlich vom Sammler wird die Fließgeschwindigkeit höher, turbulenter und befreit den Grund von Feinsediment. Als Strömungslenker wirken sie der Bodenerosion entgegen und fördern die Ausbildung von Gleithängen. Vorher nicht lebensfähige Wasserpflanzen können sich ansiedeln. Ein hoher Organismenbestand stellt sich schnell ein. Im günstigsten Fall entwickelt sich das vorher überbreite, öde Profil hin zu einem mit standorttypischen Bäumen besiedelten Bereich.

Quersammler - Instream Restaurieren

Wahre „Speisekammern“ entstehen – hier setzt z.B. der Bachflohkrebs begeistert an (Foto: Ludwig Tent)

Quersammler - Instream Restaurieren

Lebensraum ist entstanden – im freien Querschnitt fließt der Bach wieder turbulent (Foto: Ludwig Tent)

Holzbuhne - Instream Restaurieren

Buhnen als geschlossene Bauwerke haben auf die Gewässerstruktur keinen großen Effekt (Foto: Ludwig Tent)

Instream Restaurieren - Vorher Nachher

Sammler verschwindet im Gleitufer (Foto: Ludwig Tent)

Ufersicherung - Instream Restaurieren

Boden gesammelt, Ufer gesichert (Foto: Ludwig Tent)

Gleitufer - Instream Restauration

Wiedergewinnen des Gleitufers (Foto: Ludwig Tent)

Steinfliegenlarve

Sogar Steinfliegenlarven haben sich angesiedelt (Foto: Ludwig Tent)

Bachflohkrebs

Bachflohkrebse aus dem Treibgut (Foto: Ludwig Tent)

Köcherfliegenlarven - Instream Restauration

Köcherfliegenlarven bauen ihre Behausung am vom Sammler eingefangenen Treibgut (Foto: Ludwig Tent)

Danksagung

Herzlichen Dank an Herrn Dr. Ludwig Tent, der sein Foto- und Schriftenmaterial zur Verfügung gestellt hat. Mehr zum Thema und seinen Arbeiten findet ihr unter Salmonidenfreund und Osmerus Blog.

Über Niklas


Gewässerwart im Angelverein seit 2010, Vorsitzender eines Gewässerschutz Vereins und Gründer des Gewässerwart Blogs. Begeisterter Skandinavien-Fahrer, Angler und Medieninformatiker.

Kommentare

  1. Thorsten Ziegler 97657 Sandberg meint:

    Hallo Niklas,

    ich bin auf der Recherche nach Verbesserungsmaßnahmen für einen kleinen Forellen(laich)bach im Mittelgebirge auf diesen Blog getroffen. Vielen Dank für die Weitergabe deiner Kenntnisse und Ideen. Welchen Aspekt ich vermisse, ist der Punkt der Wassertemperatur. Sie ist mitentscheident für ein erfolgreiches heranwachsen der Jungfische. Leider habe ich an "meinem Gewässer" in den letzten Jahren sehr negative Erfahrungen gesammelt, da offenbar auf Grund verringerter Abflussgeschwindigkeit die Temperatur über das Erträgliche hinaus (20°C) angestiegen ist, und den Bestand nahezu komplett hat verschwinden lassen. Ich habe jetzt Massnahmen für einen schnelleren Durchfluss ergriffen (im Quellbereich), Einengung des Bachbettes (im Mittellauf) und mehrere Thermometer zur Überwachung an diversen Stellen ausgelegt. Ich hoffe, dass dies zur Verbesserung der Situation beiträgt.

    Vielen Dank und viele Grüße, Thorsten

    • Niklas meint:

      Hallo Thorsten,

      vielen Dank für dein Lob!

      Wie sieht es denn mit der Beschattung aus?

      Durch geringe Abflussgeschwindigkeiten kann auch der Kieslückenraum verstopfen, so dass die Sauerstoffzufuhr für die Eier nicht mehr gewährleistet wird.

      Um den Bestand aufrecht zu erhalten, könntet ihr auch mittelfristig Kiesdepots anlegen, damit zumindest übergangsweise geeignete Laichplätze vorhanden sind.

      • Thorsten Ziegler 97657 Sandberg meint:

        Hallo Niklas,

        die Problematik mit der Temperatur habe ich durch einen schnelleren Abfluss (Entfernen von zahlreichen querliegenden Steinreihen/Rückstauungen) offenbar in den Griff bekommen. An warmen Tagen bei 25° C werden im Bach nun keine 15° C mehr erreicht. Zum Vergleich: Im Mai 2015 hatte ich Nachmittags 21° C gemessen. Es hat sich durch die kräftigen Regenfälle im Bachbett neues Substrat gebildet. Bereits bestehende, versandete Kiesbänke habe ich mit einem Rechen aufgekratzt und von Sand und Schlamm durch die Strömung befreit. Ich bin mal gespannt, ob die Maßnahmen Wirkung zeigen werden. Im Moment bin ich zuversichtlich.

        Danke für deine Antwort und Tipps!

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